Auch in Deutschland wird jeder Brief gescannt

Jetzt sind wieder alle überrascht. Nach Prism und Tempora kommt heraus, dass es ein System in den USA gibt, mit dem sämtlicher schriftlicher Briefverkehr protokolliert wird.

Bereits Anfang dieses Jahrtausends lernte ich im Urlaub auf Korsika einen Informatiker kennen, der in einem Projekt für die Deutsche Post AG ein Verfahren entwickelte, um Briefe vollautomatisch in die richtigen Zustellungskörbe zu werfen. Er sagte damals schon, dass fast alle Briefe – auch von Hand beschriftete – automatisch zugeordnet werden können. Die Technik dafür wurde sicherlich nicht schlechter seither.

Ein Studium später weiß ich: Es ging um ein klassisches Mustererkennungsverfahren. Das wird üblicherweise in 5 Schritte strukturiert:

  1. Erfassung
  2. Vorverarbeitung
  3. Merkmalsgewinnung
  4. Merkmalsreduktion
  5. Klassifizierung

Mit der Erfassung ist die Digitalisierung der realen Welt gemeint. Bei der Erkennung, wo ein Brief hingeschickt werden soll, wird also ein Scan oder ein Foto von ihm gemacht. Ab diesem Moment sind Daten vorhanden, die gespeichert werden können. Diese Daten werden dann noch weiter bearbeitet und ausgewertet und  mit einer Texterkennung versehen, um am Ende den genauen Zustellort für die Nachricht in digitaler Form zu ermitteln (Klassifizierung).

Es ist klar: Auch in Deutschland wird jeder Brief gescannt. Offen bleibt nur die Frage, ob die Daten auch auf Vorrat gespeichert werden. Glaubt nach den Veröffentlichungen der letzten Tage noch jemand ernsthaft, dass dies nicht geschieht?

Michael Naef hat 2008 in einem kurzen Post auf einer Webseite drei Hauptsätze der Datendynamik postuliert, die von der Realität regelmäßig bestätigt werden. Deren zweiter Satz:”Wo Daten anfallen, werden sie missbraucht.”

Die Daten über den Briefverkehr fallen, ob wir das glauben wollen oder nicht, ohnehin an, also werden auch sie missbraucht.

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