Musikgewalt – Gewaltmusik

Heute bin ich beim Googeln auf eine komische Webseite gestoßen.

Sie wird vom Musikwissenschaftler Dr. Klaus Miehling gepflegt, der offenbar alle Musik außer Klassik verdammt. Unter “Aufsätze, Noten und midi-Dateien zum Herunterladen” bietet er einige Arbeiten an, in denen er beschreibt, warum ein beliebiger Musikstil nichts taugt. Egal ob Jazz, Rock oder Heavy Metal, jeder Stil hat das gleiche Problem: Er macht aggressiv und verführt Jugendliche zu sexuellen Handlungen oder ruft sie gar explizit dazu auf.

Dr. Miehling hat sogar ein Buch veröffentlicht, das das Thema ausführlich behandelt. Für 98,00 EUR kann man “Gewaltmusik-Musikgewalt” käuflich erwerben. Sehr bezeichnend sind auch die Rezensionen bei Amazon. :) 1 Mal 5 Sterne, 8 Mal 1 Stern.

Nach dem Lesen der Rezensionen frage mich ja, wie der einen Verlag finden konnte, der das abdruckt. Sicher, der Mann ist promovierter Musikwissenschaftler, aber liest das im Verlag denn keiner durch vor dem Abdruck?

Ich glaube das mit dem schlechten Buch aber erst recht nach dem Lesen im seinem Text “Was Sie über Heavy Metal wissen sollten”.
Wenn man die dortige Liste von hinzugezogenen Liedtexten durchliest, ist kaum eine Heavy-Metal-Band dabei. Alle Bands bis auf Mötley Crüe sind laut Wikipedia Death-, Trash-, Speed- oder Nu Metal-Bands. Bei einem promovierten Musikwissenschaftler halte ich das für schlecht recherchiert und richtiggehend peinlich.
Es darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Jugendkultur im Allgemeinen vom Autor wohl nicht ganz ernst genommen wird. Miehler schreibt, dass die ganzen Rockmusiker nicht als Vorbilder taugen, weil sie Drogen nehmen, wegen Gewalt im Knast saßen oder ähnliches und genau das bei den Jugendlichen über die Musik ankommt. Ich frage mich da allerdings, wie ich dann Haydn hören darf. Schnitt er doch schon als Schüler anderen den Zopf der Perücke ab.
Außerdem lässt der Autor trotz der Aktualität des Textes eine Erkenntnis außer acht, die belegt, dass auch ein Drittel der Klassik-Musiker ein Drogenproblem hat.

Aber lest es selbst, es reicht für einen amüsanten Winterabend. Am besten mit ein bisschen feinstem Heavy Metal von Guns ‘N Roses oder aber Trash Metal von Metallica. Gerade bei Metallica kann man mit dem S&M-Album ja Klassik einbinden, um den aggressiv machenden Effekt etwas abzuschwächen.

Kommentare

5 Kommentare zu “Musikgewalt – Gewaltmusik”

  1. Dr. Klaus Miehling am June 21st, 2009 23:33

    Die Begriffsdefinitionen sind in populärer Musik selten allgemeingültig geregelt. Die im Aufsatz “Was Sie über Heavy Metal wissen sollten” zitierten Gruppen sind alle oder fast alle auch im “Heavy-Metal-Lexikon” von Matthias Herr aufgeführt, der die Bezeichnung als Oberbegriff für die meisten Metal-Varianten verwendet.

  2. Dr. Klaus Miehling am June 21st, 2009 23:36

    Nach dem von Ihnen bei “Erkenntnis” verlinkten Beitrag „nehmen 25 bis 30 Prozent der Musiker regelmäßig Tabletten oder Alkohol gegen Auftrittsängste zu sich“. Es handelt sich also um legale Drogen. In der Gewaltmusikszene hingegen werden auch illegale Drogen konsumiert, und das zweifellos in noch größerem Maß. Wo sind die Drogentoten in der Klassikszene? Auch wenn ein klassischer Musiker Alkohol gegen Auftrittsängste verwendet: Betrunken kann man klassische Musik nicht bühnenreif spielen. Hingegen wird immer wieder von Gewaltmusikern berichtet, die betrunken, oder gar unter dem Einfluß illegaler Drogen auftreten. Als einziger „klassischer“ Musiker, der illegale Drogen nimmt, wird Nigel Kennedy genannt, und der ist in seinem ganzen Auftreten sowie als bekennender Techno- und Rockhörer untypisch für die Klassikszene.

  3. goblor am June 22nd, 2009 14:17

    1. Tabletten gegen Auftrittsängste sind nicht unbedingt legal. Sie stehen auf legalem Beschaffungswege unter strenger Abgabekontrolle und werden wegen ihres Suchtpotentials nur in wirklich medizinisch notwendigen Fällen verschrieben. Im Sport gälte genau dieses als Doping und würde zum Ausschluss aus dem Wettbewerb führen, weil nicht mehr der Beste gewinnt. – In diesem Fall also nicht der Beste den Platz im Orchester bekommt.

    2. Wie passt dazu, dass 12,3% der Opernfans einen Hang zu illegalen Drogen haben? Wenn jetzt also alle moderne Musik Gewalt- und Drogenexzesse fördert, müssten ja mehr als als 12% der Jugendlichen massiven Missbrauch illegaler Drogen betreiben. Laut dieser Studie sind das aber nur rund 10%.

    3. Da ich selbst Hobby-Musiker bin, sind mir durchaus diverse Beispiele, auch von Berufs-Musikern, bekannt, die z.B. an der Kirchenorgel nicht sturzbetrunken, aber zumindest mit hohem Restalkohol von der Party am Vorabend noch musikalische Wunder vollbringen. Am stärksten wird durch Alkohol wohl das Rhythmus-Gefühl beeinträchtigt und das ist ja wohl in der modernen Pop-, Rock- und Metal-Musik von mindestens genauso entscheidender Bedeutung, wie in klassischer Musik.

  4. Dr. Klaus Miehling am July 28th, 2009 22:09

    1. In dem Bericht wird nicht gesagt, das die Tabletten auf illegalem Wege beschafft würden. Also muß die Unschuldsvermutung gelten.

    2. Die Aussage ist so nicht richtig. Gefragt wurde, wer jemals in seinem Leben Drogen genommen hat. Da Klassikhörer in höheren Altersgruppen häufiger vertreten sind als in niedrigeren, haben auch etliche Klassik- und Opernhörer (die Studie unterscheidet beides) in ihrer Jugend Gewaltmusik gehört. Und aus dieser Zeit dürften die Drogenerfahrungen meist stammen. Von den 19 Hörergruppen nahmen/nehmen folgende am seltensten Drogen: Musical, Oper, Country&Western, Adult Pop, Klassik. Die übrigen sind ausnahmslos Gewaltmusikhörer. Die Hörer von Oper und Klassik stehen also im Durchschnitt weit besser da als die von Gewaltmusik.

    3. Haben Sie von den Organisten eine Blutprobe genommen? Ich kann nur ebenso subjektiv sagen, das ich noch keinen klassischen Musiker erlebt habe, der sichtlich unter Alkoholeinfluß aufgetreten wäre. Zweifellos beeinträchtigt Alkohol die Feinmotorik, und auf die kommt es bei klassischer Musik weit mehr an als bei Gewaltmusik, zumal normalerweise ein exakter Notentext wiedergegeben werden ums und kein oder wenig Raum für Improvisation besteht (und selbst für diese sind die Regeln in klassischer Musik weit strenger).

  5. Dr. Klaus Miehling am July 28th, 2009 22:18

    Ergänzung zu 2.:

    Aus den genannten Gründen kann man nicht die 12,3 mit den 10 % vergleichen, sondern allenfalls mit den in der Quelle genannten 25 % der Jugendlichen, die bereits Cannabis probiert haben. Hinzu kommt, daß einige von den anderen 75 % noch in der Zukunft illegale Drogen nehmen werden. Die befragten Opernhörer hatten immerhin einen Altersdurchschnitt von 50,3 Jahren. Wenn man einen alten Menschen fragt, ob er etwas bestimmtes in seinem Leben getan hat, ist die Wahrscheinlichkeit für eine positive Antwort natürlich höher als bei einem Jugendlichen.

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